Weltgeschichte der Philosophie

„Jaspers hielt die »Großen Philosophen« nicht für die Totalität der Philosophie-Geschichte, sondern bloß für die Vergegenwärtigung dieser Totalität unter einem ganz bestimmten Aspekt: unter dem der großen Persönlichkeiten. Die Weltgeschichte der großen Philosophen mußte also durch andere Weltgeschichten der Philosophie flankiert werden, die ihrerseits unter einem je bestimmten Aspekt standen. Seine Einleitung in die »Weltgeschichte der Philosophie« entwirft zum ersten Mal ein Programm einer solchen poly-aspektiven Geschichtsschreibung.

Ihr Grundgedanke ist folgender: Alle einzelnen »Geschichten« sind letztlich in die Universalgeschichte der Menschheit eingebettet. Indes: diese gab es als eine durchgehend zusammenhängende Geschichte in der Realität bisher nicht. Weltgeschichte war das Sammelsurium von Lokalgeschichten. Heute aber, da die Verkehrstechnik die Erdeinheit zur Realität gemacht hat und die Kriegstechnik die Menschheit zu universaler Kommunikation zwingt, wird Geschichte als Weltgeschichte und somit auch Geschichte der Philosophie als Weltgeschichte der Philosophie zur Aufgabe. Ihr Gegenstand ist das eine umfassende Ganze des bisherigen philosophischen Denkens, wo und wann auch immer es aufgetreten sein mag. Philosophiegeschichte kann fortan »nur universal und total sein« (S. 107).

Aber wie läßt sich diese Totalität überhaupt erfassen? Als die eine und einzige Totalität überhaupt nicht. Wo immer der Verstand analytisch in sie eindringt, findet er ihre besonderen Strukturen, die er in der wünschbaren Deutlichkeit nur nachzeichnen kann, wenn er anderes preisgibt. Er durchschreitet die Geschichte der Philosophie, von jeweils besonderen Interessen geleitet, und zeichnet so eine Reihe von Weltgeschichten der Philosophie, die alle aspektbedingt sind, alle nur Reflexe des einen Ganzen. Daß das Ganze durch und in Forschung aspektiv aufgespaltet wird, ist eine Grenzsituation allen Forschens. Die aspekthaften Totalitäten, die jeweils den ganzen Raum der Historie ausmessen sollen, müssen schließlich durch die Vernunft synoptisch gesehen werden. Vernunft ließe so die Totalität erahnen, ohne sie in einer alles er- und umfassenden Synthese zur konkreten Einheit zu bringen. »Die Vision des Ganzen kann sich nur ... indirekt in der Verflechtung vieler Bilder und Linien zeigen« (S. 141).

Welches die entscheidenden Aspekte sind, unter denen die Weltgeschichte der Philosophie mehrfach zu schreiben ist, läßt sich für Jaspers zwar nicht geradezu ableiten. Aber insofern als der Ursprung und zugleich der weiteste Horizont der Philosophie für ihn das Umgreifende ist, muß Geschichte der Philosophie als ein »Offenbarwerden des Umgreifenden« verstanden werden. Ihre Erforschung bricht deshalb, analog der Logik, das eine Umgreifende in die verschiedenen Weisen des Umgreifenden auf. Logik und Geschichte werden dadurch zwei einander reflektierende Spiegel: Die Logik wird hell in der Entfaltung der Geschichte; die Geschichte sinnvoll durch die Entfaltung der Logik.

Das Bewußtsein überhaupt entfaltet sich historisch in der Geschichte der Denkformen; Dasein, Geist, Welt und Transzendenz in der Geschichte der Gehalte; Existenz in der Geschichte der philosophischen Persönlichkeiten. Die aspekthaften Zugänge zur Weltgeschichte der Philosophie führen somit zu einer Weltgeschichte der Denkformen, einer Weltgeschichte der philosophischen Gehalte und einer Weltgeschichte der philosophischen Persönlichkeiten. Die »Großen Philosophen« wären demnach nur eines von drei Büchern, in denen die Weltgeschichte der Philosophie dargestellt wird.“

(Hans Saner im Vorwort zu: Weltgeschichte der Philosophie. Einleitung. Aus dem Nachlaß hrsg. von Hans Saner, München 1982, S. 6/7)