Philosophie II - Existenzerhellung

Der 2. Band von Jaspers’ dreibändiger Philosophie ist unumstritten das Herzstück seiner Betrachtungen und Reflexionen über das eigentliche Menschsein und Anlass dafür, dass er in der Philosophiegeschichte als ein Hauptvertreter der deutschen Existenzphilosophie eingestuft wird. In keiner anderen philosophischen Schrift hat er die Möglichkeiten des einzelnen Menschen, sich als Existenz zu erhellen und zu verwirklichen, so genau und einfühlsam dargelegt.

Jaspers führt den Leser gleichsam an der Hand auf dem Weg von seinem „bloßen Dasein“ über das im 1. Band der Philosophie analysierte Verstandesdenken („Bewusstsein überhaupt“) und die Dimension des „Geistes“ bis hin zum selbstreflektierenden, sich selber erhellenden Denken. Er zeigt die Möglichkeiten und Grenzen der Existenzerhellung auf, bis hin zu dem schmalen Grad der Unaussprechlichkeit, wo die Verwirklichung nur noch im konkreten Vollzug der jeweiligen Existenz und in deren innerem Handeln möglich ist. Die Rahmenbedingungen einer solchen unverwechselbaren und einzigartigen Existenzverwirklichung steckt der erfahrene Psychopathologe und Mediziner mit subtilen Analysen der conditio humana ab. Dabei geht er von der Tatsache aus, dass Menschsein stets ein Sein mit anderen Menschen ist und sich immer in Situationen abspielt. Daraus folgt für ihn:

Existenz verwirklicht sich in Kommunikation mit anderer Existenz und nicht in isolierter Zurückgezogenheit. Sie ist nur möglich als geschichtliche Existenz in der Aneignung ihres Daseins als spezifischer Geschichtlichkeit. Existenz ist nur möglich durch ihren Willen und die Wahl ihrer selbst aus existentieller Freiheit. Diese Wahl ist jedoch ursprünglich kommunikativ: die Freiheit des Einzelnen bewahrheitet sich nur in und durch Kommunikation.

Existenz kann sich auch in Grenzsituationen verwirklichen. Der Mensch befindet sich immer in Situationen, die sich ständig wandeln, aber es gibt auch für alle Menschen gleichermassen unvermeidbare Situationen, welchen niemand entkommen kann: es sind dies Situationen wie die Konfrontation mit dem Tod sowie Leiden, Kampf, Schuld, die antinomische Struktur des Daseins u.a. In Konfrontation mit diesen unausweichlichen und mit rationalen Problemlösungsverfahren nicht zu bewältigenden Momenten des Daseins zeigt sich erst, was der Mensch ist. Es eröffnet sich ihm die Möglichkeit, diese Situationen aktiv anzunehmen oder aber in Verbitterung, Auflehnung oder Resignation zu verharren; mit Jaspersʼ Worten heisst dies: es erhellt sich ihm die Möglichkeit seiner Existenz.

In weiteren Kapiteln befasst Jaspers sich mit dem „absoluten Bewusstsein“, „dem unbedingten Handeln“, – hier wird seine Affinität zu Immanuel Kant deutlich – sowie mit der für Existenz typischen Polarität von „Subjektivität und Objektivität“. Eben weil Existenz nicht Objekt werden kann, stellt Jaspers die Möglichkeit einer existentiellen Ethik oder gar einer Ontologie der Existenz in Abrede. Existenzerhellendes Philosophieren darf nur Appell und Zeiger bleiben, als solches möchte er sein Philosophieren verstanden wissen.

 

Karl Jaspers: Philosophie II. Existenzerhellung. 4. Aufl. Berlin/Heidelberg/New York: Springer 1973.