Nazi-Deutschland und die Folgen

„Wir haben etwas erlebt, was dem Hexenwahn des späten Mittelalters entspricht: den Rassenwahn, samt allen Irrungen auf Grund einer sogenannten biologischen Weltanschauung. Diese Vorstellungen hatten dieselben Merkmale wie damals: Unkorrigierbarkeit, Umdeutung aller Gegengründe in Bestätigungen, Ersatz der Begründung durch Sophistik, Terror und Folter, eine angstvolle Ergriffenheit Wohlmeinender, als ob doch etwas daran sein könnte, sadistische Befriedigung anderer, die unersättlich nach noch weiteren, noch grausameren Verfahren drängten.

Hat das alles der Nationalsozialismus gebracht? Doch offenbar nur darum, weil diese Möglichkeiten bereitlagen. Es sitzt irgendwo in unserer vorhergehenden Überlieferung, was hier so unheilvoll ausbrach.“

(Hoffnung und Sorge. Schriften zur deutschen Politik 1945-1965, München 1965, S. 35)

 

Die rückhaltlose Auffassung der Tatsachen der letzten zwölf Jahre und unserer gegenwärtigen Lage ist die wichtigste Voraussetzung. Es ist eine harte Aufgabe, der Wahrheit ins Angesicht zu blicken. Wir müssen erkennen: die Taten des Nationalsozialismus, die Wurzeln und die Zusammenhänge dieser Taten, die Ermöglichung dieses Regimes durch geistige Bereitschaft in allen Kreisen unserer Bevölkerung, die gegenwärtige politische Realität (die endgültige politische Ohnmacht Deutschlands mit ihren Folgen), die weltgeschichtliche Lage und die in ihr verborgenen Möglichkeiten, deren Entwicklung unser eigenes Schicksal ist, ohne daß wir als selbständiger politischer Faktor für dessen Gang zur Geltung kommen können. All das müssen wir klar vor Augen haben. Jedes Unheil, das wir jetzt in der Folge des Zusammenbruchs erfahren, zwingt zu der Einsicht: Dahin hat uns der Nationalsozialismus geführt, und das alles ist möglich, wenn der Gehorsam kritiklos alles dem Führer an vertraut.“

(Rechenschaft und Ausblick. Reden und Aufsätze, München 1958, S. 182f.)

 

„Jener Satz: »Das ist eure Schuld« kann bedeuten:

Ihr haftet für die Taten des Regimes, das ihr geduldet habt – hier handelt es sich um unsere politische Schuld.

Es ist eure Schuld, daß ihr darüber hinaus dies Regime unterstützt und mitgemacht habt – darin liegt unsere moralische Schuld.

Es ist eure Schuld, daß ihr untätig dabei standet, wenn die Verbrechen getan wurden – da deutet sich eine metaphysische Schuld an.

Diese drei Sätze halte ich für wahr, obgleich nur der erste über die politische Haftung geradezu auszusprechen und ganz richtig ist, während der zweite und dritte über moralische und metaphysische Schuld in juristischer Gestalt als lieblose Aussagen unwahr werden.

Weiter kann »Das ist eure Schuld« bedeuten: Ihr seid Teilnehmer an jenen Verbrechen, daher selbst Verbrecher. – Das ist für die überwiegende Mehrzahl der Deutschen offenbar falsch.

Schließlich kann es bedeuten: Ihr seid als Volk minderwertig, würdelos, verbrecherisch, ein Auswurf der Menschheit, anders als alle anderen Völker. – Das ist das Denken und Werten in Kollektiven, das mit seiner Subsumtion jedes einzelnen unter dies Allgemeine radikal falsch und selber unmenschlich ist, ob es in gutem oder bösem Sinne sich vollzieht.“

(Die Schuldfrage, Heidelberg 1946, S. 46)

 

Schuld und Folge

„Die Schuld hat Folgen nach außen für das Dasein, ob nun der Betroffene das begreift oder nicht, und hat Folgen nach innen für das Selbstbewußtsein, wenn ich in der Schuld mich durchschaue.

a) Das Verbrechen findet Strafe. Voraussetzung ist die Anerkenntnis des Schuldigen seitens des Richters in seiner freien Willensbestimmung, nicht die Anerkenntnis des Bestraften, daß er mit Recht bestraft werde.

b) Für die politische Schuld gibt es Haftung und als ihre Folge Wiedergutmachung und weiter Verlust oder Einschränkung politischer Macht und politischer Rechte. Steht die Schuld im Zusammenhang von Ereignissen, die durch Krieg ihre Entscheidung finden, so kann für die Besiegten die Folge sein: Vernichtung, Deportation, Ausrottung. Oder es kann der Sieger die Folgen in eine Form des Rechtes und damit des Maßes überführen, wenn er will.

c) Der moralischen Schuld erwächst Einsicht, damit Buße und Erneuerung. Es ist ein innerer Prozeß, der dann auch reale Folgen in der Welt hat.

d) Die metaphysische Schuld hat zur Folge eine Verwandlung des menschlichen Selbstbewußtseins vor Gott. Der Stolz wird gebrochen. Diese Selbstverwandlung durch inneres Handeln kann zu einem neuen Ursprung aktiven Lebens führen, aber verbunden mit einem untilgbaren Schuldbewußtsein in der Demut, die sich vor Gott bescheidet und alles Tun in eine Atmosphäre taucht, in der Übermut unmöglich wird.“

(Die Schuldfrage, Heidelberg 1946, S. 34f.)

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