Kommunikation

Daseinskommunikation

„Kommunikation, d. i. das Leben mit den Anderen, wie es im Dasein auf mannigfache Weise vollzogen wird, ist in Gemeinschaftsbeziehungen da, die zu beobachten, in ihren Besonderheiten zu unterscheiden, in ihren Motiven und Wirkungen durchsichtig zu machen sind. Jede Weise der Gemeinschaft, unentbehrlich für Dasein und darum für mögliche Existenz im Dasein, ist aber als solche nie schon diejenige, welche ich als mögliche Existenz eigentlich will. Diese vielmehr ist zu erfragen an der Grenze der zu betrachtenden Kommunikation. Die psychologisch und soziologisch wirklichen Beziehungen sind Gegenstand der Forschung; die wahre Kommunikation, in der ich eigentlich erst mein Sein weiß, indem ich es mit dem Anderen hervorbringe, ist empirisch nicht vorhanden; ihre Erhellung ist philosophische Aufgabe.“

(Philosophie II, 4. Aufl. 1973, S. 51)

 

Existentielle Kommunikation

„In der Kommunikation, durch die ich mich selbst getroffen weiß, ist der Andere nur dieser Andere: die Einzigkeit ist Erscheinung der Substantialität dieses Seins. Existentielle Kommunikation ist nicht vorzumachen und nicht nachzumachen, sondern schlechthin in ihrer jeweiligen Einmaligkeit. Sie ist zwischen zwei Selbst, die nur diese und nicht Repräsentanten, darum nicht vertretbar sind. Das Selbst hat seine Gewißheit in dieser Kommunikation als der absolut geschichtlichen, von außen unerkennbaren. Allein in ihr ist das Selbst für das Selbst in gegenseitiger Schöpfung. In geschichtlicher Entscheidung hat es durch Bindung an sie sein Selbstsein als isoliertes Ich-sein aufgehoben, um das Selbstsein in Kommunikation zu ergreifen.

Der Sinn des Satzes, daß ich erst ich selbst in meiner Freiheit bin, wenn der Andere er selbst ist und sein will, und ich mit ihm, ist nur aus Freiheit als Möglichkeit zu ergreifen. Während die Kommunikationen im Bewußtsein überhaupt und in der Tradition erkennbare Daseinsnotwendigkeiten sind, ohne die ein Versinken ins Unbewußte unausweichlich würde, ist die Notwendigkeit existentieller Kommunikation nur eine solche der Freiheit, darum objektiv unbegreiflich. Der eigentlichen Kommunikation ausweichen wollen, bedeutet Aufgeben meines Selbstseins; entziehe ich mich ihr, so verrate ich mit dem Anderen mich selbst.“

(Philosophie II, S. 58)

 

Liebender Kampf

„Als Liebe ist diese Kommunikation nicht die blinde Liebe, gleichgültig welchen Gegenstand sie trifft, sondern die kämpfende Liebe, die hellsichtig ist. Sie stellt in Frage, macht schwer, fordert, ergreift aus möglicher Existenz die andere mögliche Existenz.

Als Kampf ist diese Kommunikation der Kampf des Einzelnen um Existenz, welcher ein Kampf um die eigene und andere Existenz in einem ist. Während es im Daseinskampf die Nutzung aller Waffen gilt, List und Trug unvermeidbar werden und ein Verhalten gegen den Anderen als Feind – der nur das schlechthin Andere gleich der Widerstand leistenden Natur ist –, handelt es sich im Kampf um Existenz um ein davon unendlich Verschiedenes: um die restlose Offenheit, um die Ausschaltung jeder Macht und Überlegenheit, um das Selbstsein des Anderen so gut wie um das eigene. In diesem Kampf wagen beide rückhaltlos sich zu zeigen und infragestellen zu lassen. Wenn Existenz möglich ist, so wird sie erscheinen als dieses Sichgewinnen (das nie objektiv wird) durch kämpfendes Sichhingeben (das zum Teil objektiv wird und aus Daseinsmotiven unbegreiflich bleibt).“

(Philosophie II, S. 65) 15.

 

Unmöglichkeit der Kommunikation

„Vor typischen menschlichen Haltungen, welche eine echte Annäherung schon im Anfang für immer scheitern lassen, bleibt nur Verzicht:

a) der Mensch, der in einer versteinerten Objektivität lebt, als einer Welt materialisierter Inhalte, die ihm das Sein schlechthin bedeuten, ist als er selbst unzugänglich. Es sind die stumpfen und die abergläubischen Menschen, die gar nicht Kommunikation wollen, sich nie in wahrem Gespräch befinden, sondern vorbeireden an allem, was vom Anderen kommt. Sie können nur unpersönlich plaudern oder ihre Dogmen vortragen.

b) Der Mensch mit einer rational fixierten Moral, der weniger selbst handelt als beurteilt und fordert, erfährt kein ursprüngliches Leben, sondern begründet moralpathetisch vermeintlich zwingend die Resultate, die er auf jeden vorkommenden Fall anwendet. Er offenbart sein Wesen durch sein Leben: aus Prinzipien gradlinig entwickelte übersteigerte ethische Handlungen mischen sich mit Handlungen aus triebhafter Affektivität und aus instinktiver Schlauheit. Als er selbst kann er nicht in Kommunikation treten.

c) Der eigensinnige Stolz des Menschen, der nur er selbst sein will, wehrt Kommunikation ab. Er möchte mit sich die Welt identifizieren und kennt nur den Willen: die Welt zu besitzen. Er hört aus Neugier und Menschengier, erträgt nicht, eine Blöße zu zeigen oder in die Situation des Unterlegenen zu kommen. Zu Menschen sucht er nicht die Beziehung der Solidarität, er will sie erobern und zu eigen haben.“

(Philosophie II, S. 91)