Selbstsein und Existenz

„Warum liebe ich? Warum glaube ich? Warum bin ich entschlossen?

Diese Fragen sind nie, mag man noch so viele Voraussetzungen, Bedingungen, Motive des Erscheinens in der Welt angeben, beantwortbar. Jede Antwort macht die radikale Unbeantwortbarkeit bewußt.

Es gibt zwar kein sinnvolles Verbot zu fragen, wohl aber die Erfahrung des Klarwerdens: die Wirklichkeit der Existenz ist für unser Erkennen grundlos. Was sich so in seiner Grundlosigkeit zeigt, ist Ursprung für uns, aber kein Gegenstand, keine Feststellbarkeit, keine Sichtbarkeit.“

(Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, München 1962, 121)

 

Existenz und Transzendenz

„Existenz ist das Selbstsein, das sich zu sich selbst und darin zu der Transzendenz verhält, durch die es sich geschenkt weiß, und auf die es sich gründet.“

(Existenzphilosophie. Berlin/Leipzig 1938; zit.: 3. Aufl. Berlin 1964, 17)

„Der Mensch findet sich nicht vor als vernünftig, sondern kehrt sich aus seinem ihm gegebenen Dasein gleichsam um. Er gelangt aus eigener Freiheit, nicht von selbst, auf den Weg der Vernunft. Daß er es kann, ist ein Geheimnis. Er verdankt sich sich selbst und weiß doch nicht, wie er dazu fähig war. Er sieht die Grenze seiner Freiheit, daß er erst wollen kann, wenn er frei ist, aber nicht die Freiheit wollen kann. Daher weiß er sich selbst gleichsam geschenkt, ohne zu wissen, zu erfahren, durch irgendein verläßliches Erlebnis zu spüren, daß er einer anderen Macht sich verdankt. Er weiß sich selbst geschenkt, ohne den Ursprung zu wissen – ein Geschenkt-sein, das den Charakter hat, sich darin sich selbst zu verdanken, alle Anspannung, Offenheit, guten Willen fordernd.“

(Vernunft und Widervernunft in unserer Zeit, München 1950; zit.: München 1952, 42)