Karl Jaspers über Kant

„Heute ist durch die radikale Verwandlung aller menschlichen Daseinsverhältnisse im technischen Zeitalter jede Überlieferung vor die Frage ihrer Bewährung gestellt, wenn sie nicht gar einfach abbricht in Vergessenheit. Noch steht auch Kant unter den hohen Gestalten, die gehört werden wollen, und die doch vielleicht im Begriff sind, für lange Zeit unter den Horizont zu sinken.

Wir tun nach Kräften, daß dies nicht geschehe, und dürfen sagen: Kant hat durch sein Werk einen Schritt im Philosophieren getan, der weltgeschichtliche Bedeutung hat. Vielleicht ist seit Plato nichts geschehen, was in der herben Luft des Denkens und aus ihr wirkend so weitreichende Folgen haben müßte, nicht im Raum der Technik und Naturbeherrschung, sondern im Inneren des Menschen für seine Denkungsart, sein Seinsbewußtsein, seine Ideen, seine Antriebe und seinen guten Willen.

Wohl keinem der Philosophen nach Kant können wir in dem Maße glauben wie ihm. In seiner einfachen Größe waltet Ruhe und Maß. Er ist nicht etwas grundsätzlich Anderes als Menschen sonst, sondern ein Gipfel dessen, was jeder Mensch als Vernunftwesen sein kann. Er ist nicht ein Experiment, das vielleicht geistig Glanzvolles entstehen läßt, aber mit einem zerstückelten und verzerrten Dasein bezahlt wird. Er ist auch nicht ein vornehm und geheimnisvoll Ahnender. Vielmehr ist er vollkommene Offenheit. Schleierlos zeigt er sich. Keine Spur eines Zaubers, einer falschen Tiefe, eines imponierenden Effekts macht er sich zunutze. Jeder Satz von ihm darf ernst genommen werden.

Kant ist ein Träger der Humanität der Aufklärung. Er ist nicht nur der große Kopf, sondern der wahrhaftige Mensch. Sein Ethos kennt nicht übersteigerte Handlungen, in denen Moral unwahrhaftig konstruiert oder pathetisch demonstriert wird, um dann sich im eigensüchtigen Alltag zu verstecken. Sein Ethos ist das Ethos gerade des Alltags und jeden Augenblicks. Ihn brauchen wir nicht als ein Fremdes zu bewundern. Mit ihm können wir leben. Ihm möchten wir folgen.“

 

(Immanuel Kant. Zu seinem 150. Geburtstag. In: Aneignung und Polemik, München 1968 S. 249f.)