Hoffnung und Sorge

Schriften zur deutschen Politik 1945-1964

In diesem Buch (371 Seiten) sind neben den Schriften über die Schuldfrage aus dem Jahr 1948 und Freiheit und Wiedervereinigung aus dem Jahr 1960 verschiedene Artikel und Reden aus der oben genannten Zeitspanne abgedruckt. Im Vorwort bringt Jaspers die Absicht zum Ausdruck, die ihn zur Veröffentlichung dieses Sammelbandes veranlasst hat. Er warnt vor Tendenzen, den vergangenen „Verbrecherstaat und das eigenen Verstricksein in ihn“ zu vergessen und appelliert gleichzeitig dafür, die Aufgabe einer „sittlich-politischen Umkehr“ in Angriff zu nehmen. Dazu gehört auch die Rückbesinnung auf die tausendjährige deutsche Geschichte, damit meint Jaspers primär die Kulturgeschichte mit Geistesgrössen wie Kant, Lessing u. a. Die „Chance durch Umkehr, aus unseren Wurzeln her, zu einem wahren freien deutschen Staat“ zu gelangen, darf nicht versäumt werden. … denn dieser Staat gewinnt erst durch die sittlich-politische Umkehr seine Substanz und seine Würde, dadurch der Bundesbürger erst eine wirksame politische Gemeinschaft.“ Die einzelnen wieder abgedruckten Artikel in diesem Sammelband geben einen guten Einblick in Ideen von Jaspers, die er in seiner politischen Denkphase nach 1945 entwickelt hat.

Der Band beginnt mit dem Geleitwort zur Monatszeitschrift „Die Wandlung“, die Jaspers zusammen mit dem Politikwissenschaftler Dolf Sternberger, dem Romanisten Werner Kraus und dem Kultursoziologen Alfred Weber im November 1945 gegründet hat. Die Zeitschrift erschien bis Herbst 1949. Auch der Artikel „Antwort an Sigrid Undset“ ist enthalten, in dem Jaspers die pauschale Kollektivschuldthese über die Schuld und die Verstrickung des gesamten deutschen Volks an den nationalsozialistischen Verbrechen mit treffenden Argumenten in die Schranken weist. In der ebenfalls abgedruckten Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Jahr 1958 stellt Jaspers seine Gedanken über den Zusammenhang von Wahrheit, Freiheit und Friede schlüssig dar. Er macht sich Gedanken über eine Politik, die als Friedenspolitik zugleich Weltpolitik sein könnte. Zu den Grundvoraussetzungen einer solchen Politik zählt Jaspers die Wahrheit und die Freiheit. Dabei versteht er unter Wahrheit keine erkenntnistheoretische Kategorie, sondern vielmehr eine moralische Kategorie, nämlich Wahrheit im Sinne von Wahrhaftigkeit. Hinsichtlich des Zusammenhangs von Friede und Freiheit nimmt Jaspers auf Kant und dessen Konzeption einer republikanischen Regierungsform Bezug.

Wie stark Jaspersʼ individualistischer Ansatz in der Politik auch bei diesen Überlegungen durchschlägt, zeigt seine Argumentation, dass die Weltpolitik hinsichtlich der Friedensförderung nur unter Voraussetzungen Erfolg haben könne, „die jeder in sich selbst“ und seiner unmittelbaren Umgebung verwirkliche. „Der Friede beginnt im eigenen Haus.“

In einem wieder abgedruckten Artikel über „Die Unzuverläßlichkeit der Menschenrechte“ aus dem Jahr 1965 ─ Jaspers geht darin von der UNO-Deklaration der Menschenrechte im Jahr 1948 aus ─ bemängelt er als zentrales Hindernis für ihre Realisierung das Prinzip der Nicht-Einmischung in innerstaatliche Angelegenheiten. Neben dem Souveränitätsprinzip der Staaten als Hemmnis für die Verwirklichung der Menschenrechte kritisiert er auch die extreme Ausweitung der Menschenrechte. Dies könne nur allzu leicht zu einer Relativierung der zentralen Grundrechte führen. Dazu zählt Jaspers: „das Recht auf Sicherheit von Leib und Leben, das Recht auf Arbeit, das Recht auf Staatsangehörigkeit und auf die Teilnahme an der politischen Freiheit, das Recht auf unbeschränktes Denken und Sprechen und auf den eigenen Glauben.“

Dass Jaspers sich in Radio-Vorträgen auch mutig darüber geäussert hat, was man unter „deutsch“ zu verstehen habe oder zur Frage, wieweit Journalisten überhaupt dazu bereit sind, in unterschiedlichen Situationen objektiv über politische Vorgänge zu berichten, machen in diesem Band die am Schluss veröffentlichen Beiträge deutlich.

Karl Jaspers: Hoffnung und Sorge. Schriften zur deutschen Politik 1945–1964, München: R. Piper & Co Verlag, 1965. 371 Seiten.