Existenzphilosophie

Diese Schrift gibt den Inhalt von drei Vorlesungen wieder, die Jaspers im September 1937 am Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt a. M. gehalten hat. Jaspers hat in einem Nachwort zur 2. Auflage (1956) die Umstände beschrieben, unter denen diese Vorlesungen entstanden waren. „Die Vorlesungen wurden geschrieben in den Wochen nach meiner Entlassung aus dem Lehramt (weil meine Frau Jüdin ist, nicht wegen meiner unbekannten politischen Gesinnung oder meiner nicht interessierenden Philosophie). Das Hochstift hielt durch seinen Leiter, Prof. Ernst Beutler, an der schon vorher ergangenen Einladung trotz meiner Entlassung fest. Ich wußte, daß ich nicht wieder öffentlich würde sprechen können, ergriff die letzte Gelegenheit und sah es als ein unerwartetes Glück an, daß diese Vorlesungen sogar dank dem Verlag erscheinen konnten. Sie waren meine letzte Publikation, bis die Vernichtung des Nationalsozialismus freies deutsches Leben im Westen wieder ermöglichte. Die Stimmung dieser Schrift entspricht dem Augenblick, in dem sie entstand, bezogen auf das Untilgbare“. Jaspers gibt in dieser Schrift einen Überblick über sein Philosophieverständnis und behandelt darin zentrale Gedanken, die sein Philosophieren von der Psychologie der Weltanschauungen (1919), über das existenzphilosophische Hauptwerk Philosophie (1932) bis zu Vernunft und Existenz (1935) geleitet haben und wie er sie dann nach dem 2. Weltkrieg unter besonderer Betonung des Vernunftbegriffes und der Konzeption des Umgreifenden in dem umfangreichen Buch Von der Wahrheit (1947) neu formuliert hat. Zu den Hauptgedanken, die kurz erörtert werden, gehören: das Verhältnis von Wissenschaft und Philosophie, die Konzeption des Umgreifenden, das Existenz- und Wahrheitsverständnis, das Problem von Autorität und Erziehung, die Vernunftauffassung, das Transzendenzverständnis, das Verhältnis von Philosophie und Religion, sowie die Konzeption des philosophischen Glaubens. In Zusammenhang mit letzterem nimmt Jaspers bereits nicht wenige Gedanken vorweg, die er erst später in den Büchern Der philosophische Glaube (1948) und Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung (1962) ausführlicher entwickelt hat.

Dass er in diesen drei Vorlesungen keine direkten Anspielungen auf Erscheinungen des Nationalsozialismus gemacht hat, rechtfertigt Jaspers in dem oben genannten Nachwort damit, dass „dies damals tödlich gewesen“ wäre. „Ich gehörte zu denen, die entschlossen waren, nicht durch Fahrlässigkeit dem Terrorapparat zu verfallen. Denn nicht nur meine persönlichen vitalen Voraussetzungen [damit ist der durch die chronische Lungenkrankheit bedingte labile Gesundheitszustand gemeint, K.S.] machten mich unfähig zu einem planvollen aktiven Widerstand, sondern ich hätte, auch wenn diese gegeben gewesen wären, vermutlich als vereinzelter Professor nicht den Entschluß zur Tat gefaßt. Mir schien nichts übrig zu bleiben, als wenigstens darüber klar zu sein, was man tut und will, und die Konsequenzen zu ziehen. Es galt für uns, naiv zu tun, sich weltfremd zu gebärden, eine natürliche Würde zu wahren (die noch in manchen Lagen schützte), gegebenenfalls bedenkenlos zu lügen. Denn Bestien, die im Besitz aller Gewalt zum Vernichten sind, sind mit List zu behandeln, nicht wie Menschen und Vernunftwesen.“

Karl Jaspers: Existenzphilosophie. 4. Unveränderte Auflage. Berlin/New York: Walter de Gruyter 1974.