Die Frage nach dem Sein / das Umgreifende

„Was das Sein sei, ist die nicht aufhörende Frage des Philosophierens.

Als bestimmtes Sein ist es wißbar. Die Grundweisen seines Bestimmtseins zeigen die Kategorien. Deren Aufstellung macht in der Logik die Seinsweisen ausdrücklich bewußt: das Sein als Gewußtsein und Gedachtsein wird in seinen Verzweigungen und seiner Vielfältigkeit gegenständlich. Aber das Sein schlechthin ist damit nicht erschöpft.

Als empirische Wirklichkeit enthält es ein Hinzunehmendes, vom Gedanken Getroffenes, aber nicht Durchdrungenes. In der Weltorientierung bemächtigte ich mich dieser Wirklichkeit, welche, als Ganzes unübersehbar, nach einzelnen Seiten und im besonderen Sein des einzelnen Dinges zu kennen und relativ zu erkennen ist. Sein als Erkanntsein trägt stets zugleich das Unerkannte an seiner Grenze. Aber das Erkannte mit dem von ihm getroffenen Unerkannten als das Weltsein erschöpfen wiederum nicht das Sein.

Vom Weltsein, es durchbrechend, komme ich zu mir selbst als möglicher Existenz. Ich bin darin als Freiheit und in Kommunikation auf andere Freiheit gerichtet. Dieses Darinsein eines Seins, das noch entscheidet, ob und was es ist, kann nicht aus sich heraus und sich nicht Zusehen. Aber auch dieses Sein ist nicht das Sein, mit dem alles erschöpfbar wäre. Es ist nicht nur mit und durch anderes Sein der Freiheit, sondern ist selbst bezogen auf ein Sein, das nicht Existenz, sondern ihre Transzendenz ist.“

(Philosophie III, 4. Aufl. 1973, S. 1f.)

„Alles was mir gegenständlich wird, ist jeweils zusammengeschlossen in einem relativ Ganzen unserer Welt, in der wir leben. Wir sehen dieses Ganze, sind in ihm geborgen. Es umschließt uns gleichsam in einem Horizont unseres Wissens. Jeder Horizont schließt uns ein; er versagt den weiteren Ausblick. Daher drängen wir über jeden Horizont hinaus. Doch wohin wir auch kommen, der Horizont, der ständig das jeweils Erreichte einschließt, geht gleichsam mit. Er ist immer neu wieder da und zwingt, weil er nur Horizont und nicht Abschluß ist, jedes, endgültige Verweilen aufzugeben. Niemals gewinnen wir einen Standpunkt, auf dem der begrenzende Horizont aufhörte und von dem aus ein nun horizontlos geschlossenes, daher nicht mehr weiter weisendes Ganzes überblickbar würde. Und wir gewinnen auch keine Folge von Standpunkten, durch deren Gesamtheit wir, wie bei einer Erdumseglung, in der Bewegung durch die Horizonte hindurch das eine geschlossene Sein – im System des Seins – gewönnen. Das Sein bleibt für uns ungeschlossen: es zieht nach allen Seiten ins Unbegrenzte. Es läßt immer wie Neues als jeweils bestimmtes Sein uns entgegenkommen.

Unser Erkennen schritt fort vom unbestimmten Ganzen unserer Welt (in der wir unmittelbar leben) zum bestimmten Gegenstand (der in der Welt vorkommt und aus ihr an uns herantritt) und von da zur bewußt in ihren Horizonten erfaßten Weltgeschlossenheit (im jeweiligen System des Seins). In jedem dieser Schritte ist uns Sein gegenwärtig, aber mit keinem haben wir das Sein selbst. Denn jedesmal zeigt sich die Möglichkeit des weiteren Hinausschreitens über die gewonnene Erscheinung des Seins in das Sein hinein. Das bestimmte, das gewußte Sein ist immer umgriffen von einem Weiteren. Jedesmal erfahren wir in dem positiven Erfasser) eines Partikularen (partikular ist auch jedes gedachte System des Ganzen des Seins) zugleich, was das Sein nicht ist.

Nachdem uns diese Erfahrung bewußt wird, fragen wir noch einmal nach dem Sein, das uns mit dem Offenbarwerden aller entgegenkommenden Erscheinung als es selbst zurückwich. Dieses Sein, das weder (immer verengender) Gegenstand noch ein in einem (immer beschränkenden) Horizont gestaltetes Ganzes ist, nennen wir das Umgreifende.

Das Umgreifende ist also das, was sich immer nur ankündigt – im gegenständlich Gegenwärtigen und in den Horizonten –, das aber nie Gegenstand und Horizont wird. Es ist das, was nicht selbst, sondern worin uns alles andere vorkommt. Es wird nur indirekt gegenwärtig, indem wir in ihm auf jeden Horizont zuschreiten und ihn überschreiten. Innerhalb eines jeden Horizonts erfassen wir die Dinge geradezu als diese jeweils bestimmten Gegenstände, die doch nicht nur das sind, als was sie unmittelbar erscheinen, sondern durch das Umgreifende von ihm her transparent werden.

Das Umgreifende ist das, worin alles Sein für uns ist; oder es ist die Bedingung, unter der es eigentliches Sein für uns wird. Es ist nicht alles als die Summe des Seins, sondern ist das für uns ungeschlossen bleibende Ganze als der Grund des Seins.“

(Von der Wahrheit, 2. Aufl. 1958, S. 37-39)