Chiffren der Transzendenz

Dieses Büchlein (Taschenbuch von 143 Seiten) enthält den Inhalt von acht Vorlesungen, die Jaspers in seiner letzten Lehrveranstaltung an der Universität Basel im Sommersemester 1961 gehalten hat. Die Texte sind Nachschriften von Tonbandaufzeichnungen eines japanischen Studenten, die der letzte persönliche Assistent von Jaspers, Dr. Hans Saner, teilweise redigiert und 1970 veröffentlicht hat. Zusammen mit Anton Hügli hat er 2011 eine zweite, sorgfältigere Transkription vorgenommen. In dem an den Text angefügten „Nachbericht“ gibt Saner einen interessanten Einblick, wie Jaspers Vorlesungen vorbereitet hat. Saner berichtet dort, dass Jaspers fast alle Vorlesungen frei gesprochen hat und sie immer auch mit der Arbeit an einem Buch verband. Die Chiffren der Transzendenz entstanden während der Arbeit an dem Buch Der Philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, weshalb es zahlreiche Überschneidungen damit gibt. Man kann in den Chiffren der Transzendenz auch eine zusammenfassende Darstellung der Hauptgedanken des genannten viel umfangreicheren Buchs (576 Seiten) sehen. Anton Hügli zeigt in seinem Nachwort zur Ausgabe von 2011 den Zusammenhang dieser verschiedenen Schriften auf.

Saner berichtet weiter: „Jaspers hat sich für jede Vorlesungsstunde umfangreiche Notizen angelegt. Er benutzte sie in der Vorlesung meist nur als Unterlage für die Zitate … Vor jeder Vorlesung zog er sich für ein bis zwei Stunden zurück, um den Stoff und den Gang der Stunde durchzureflektieren. Auf dem Hintergrund dieser umfangreichen Vorbereitung überließ er das Gelingen der einzelnen Stunden dem Glück. Das Ablesen eines Manuskripts hätte er, als ein bloßes Verlesen von Gedanken, wie ein Aussteigen aus der unmittelbaren philosophischen Reflektion empfunden. Philosophie war für ihn immer in statu nascendi, oder sie war schon nicht mehr. In Anlehnung an Kant hat er das Wort umgedeutet: ‚Man kann nicht Philosophie, sondern nur Philosophieren lehren‘, und das hieß: Man soll nicht Gedanken vortragen, sondern sich selber in den Prozess des Denkens hineinbegeben und die Hörer an ihm teilnehmen lassen.“ (110).

An dem Text ist auffällig, dass Jaspers sowohl in der ersten Vorlesung als auch am Schluss der letzten Vorlesung folgenden Vers aus dem Mittelalter zitiert:

„Ich komme, ich weiß nicht woher,
Ich bin, ich weiß nicht wer,
Ich sterb’, ich weiß nicht wann,
Ich geh, ich weiß nicht wohin,
Mich wundert’s, dass ich so fröhlich bin.“

Dass Jaspers diesen mittelalterlichen Spruch ganz am Schluss seiner allerletzten Vorlesung zitiert hat, weist darauf hin, welch große Bedeutung er ihm für die Charakterisierung der Grundsituation des Menschseins beigemessen hat. Jaspers hat nie die genaue Quelle für dieses Zitat angegeben. Recherchen haben ergeben, dass dieser Vers keinem Autor eindeutig zuzuschreiben ist. Der älteste Beleg findet sich in einer Spruchsammlung von 1468/69; eine nahezu gleiche Fassung ist von den im 15. Jahrhundert lebenden Mönch Martinus von Biberach aus dem Jahr 1498 überliefert.

Aus der Sicht des Gesamtwerks sind in diesem Buchwichtige Gedanken von Jaspersʼ Philosophie zusammengefasst, die vor allem sein Verständnis von Religion und Philosophie betreffen. So etwa die Kritik an Absolutheits- und Ausschließlichkeitsansprüchen von religiösen Überzeugungen, die Vorstellung, dass Offenbarungsreligionen von vornherein dogmatisch sind und die Verwirklichung individueller Freiheit und des eigentlichen Selbstseins behindern, dass sie zu Unrecht ein bestimmtes „Bild“ von einer Gottheit vermitteln, obwohl man sich von Gott bzw. der Transzendenz kein inhaltliches Bild machen kann und darf. Für Jaspers entzieht sich die Transzendenz, das eine, unendliche Sein, von vornherein jeder rationalen Denkbemühung und objektivierenden Darstellung. Dieser Seinsdimension kann man nur in individuellen existentiellen Augenblickserlebnissen „inne“ werden (im Erleben von Grenzsituationen und der existentiellen Kommunikation mit einem anderen Menschen). Durch den Aufschwung zur Existenz vermag man die „Sprache der Transzendenz“ durch die Chiffern der Transzendenz zu vernehmen, obgleich die Chiffern nie eindeutig sind. Letzten Endes kann alles in der Welt zu einer Chiffer der Transzendenz werden, wenn man als mögliche Existenz das Stadium eigentlichen, existentiellen Selbstseins verwirklicht. Auch die verschiedenen Religionen und die Bibel sind bloß Chiffern der Transzendenz und können über die Transzendenz selber nichts Inhaltliches aussagen. Als Existenz erlebe ich mich von einer nicht von mir abhängigen transzendenten Seinsdimension her als „geschenkt“, weil der Aufschwung zur Existenz nicht von mir hervorgerufen und geplant werden kann. Damit wird mir zugleich die Transzendenz gegenwärtig und damit die Einsicht vermittelt, dass es auch im Erleben höchster Autonomie und absoluter existentieller Freiheit noch eine andere, mein Selbstsein umgreifende Seinsdimension gibt.

Zitate aus:
Karl Jaspers, Chiffren der Transzendenz. 3. Aufl.
München: R. Piper & Co. Verlag 1977.
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