Rechenschaft und Ausblick. Reden und Aufsätze

In diesem Sammelband sind Reden und Aufsätze abgedruckt, die Jaspers in der Zeit zwischen 1920 und 1951 verfasst hat. Einige Artikel informieren über Einflüsse, die Jaspersʼ Philosophieren nachhaltig geprägt haben.

So wird aus der Rede anlässlich der Trauerfeier für Max Weber deutlich, welche hohe Wertschätzung Jaspers Weber nicht nur als Denker, sondern auch als Persönlichkeit entgegengebracht hat. Bekanntlich hat Jaspers Weber sein zweites Buch, die Psychologie der Weltanschauungen, gewidmet, ihn in autobiographischen Schriften immer wieder als eindrucksvolle Lehrerpersönlichkeit und vorbildlichen Wissenschaftler bezeichnet und auch eine Monographie über ihn verfasst. (Max Weber. Politiker – Forscher – Philosoph, Neuausgabe 1958). Weber war für ihn ebenso ein Vorbild für intellektuelle Redlichkeit und er sah dieses von ihm so geschätzte moralische Prinzip auch als zentralen Impuls für Webers wissenschaftstheoretisches Postulat der Werturteilsfreiheit der Erfahrungswissenschaften. In der hier genannten Rede würdigt er u. a. das „intellektuelle Gewissen“ von Weber, aus dem heraus dieser „unablässig die eigenen Wertungen ins deutliche Bewusstsein zu rücken“ bemüht war, um sie von „sachlicher Einsicht“ klar zu trennen. (15)

In den beiden Reden über Goethe würdigt er dessen literarische Darstellung „menschlicher Grunderfahrungen“, wie „den Ernst der Liebe, die überwindende Güte, die Forderung, sich selbst zu durchdringen in einem nicht aufhörenden Bildungsprozess.“ (36) Er meint sogar, „wie Goethe den Menschen sieht, des Menschen Tätigkeit und das Böse, das ist Philosophie.“ (70)

Wenn in Jaspersʼ Spätphilosophie von einer „Weltphilosophie“ die Rede ist, („Wir sind auf dem Wege vom Abendrot der europäischen Philosophie durch die Dämmerung unserer Zeit zur Morgenröte der Weltphilosophie“, vgl. S. 200 ), so wäre es durchaus denkbar, dass er diesen Terminus im Anschluss an Goethes Begriff der „Weltliteratur“ geprägt und damit ganz ähnliche Intentionen verbunden hat, wie er sie bei Goethe in Zusammenhang mit diesem Wort gesehen hat. Jaspers meint nämlich, dass Goethe damit „die Einheit der Menschheit“ im Auge gehabt, „die Heraufkunft des geistigen Verkehrs der Völker gesehen“ habe sowie den „Dichtern, Kritikern, Schriftstellern, Forschern und Philosophen die Aufgabe gezeigt“ habe, „sich zu kennen und aufeinander zu hören“. (79)

In dem Festschrift-Beitrag für Alfred Weber über Solon klingt das Ideal des „vernünftigen Staatsmannes“ an, wie es Jaspers in Die Atombombe und die Zukunft des Menschen, dem Hauptwerk seiner politischen Philosophie, dargelegt hat. Solon gilt ihm als eine jener politischen Persönlichkeiten, die fern „vom Moralismus und fern vom bloßen Genuss ihre Verantwortung mit größtem Ernst ergreifen, aber ohne ihre gelassene Heiterkeit zu verlieren.“ Als Staatsmann ist er auch „Erzieher“ des Volkes, weil er das Volk an seinen Gedanken teilnehmen lässt. (82)

In Bezug auf den Gedanken des radikal Bösen bei Kant argumentiert Jaspers, dass das radikal Böse „nicht in den Neigungen, Antrieben, Glücksbedürfnissen als solchen“ liege, weil diese Naturgegebenheiten sittlich neutral seien. Das radikal Böse liege allein im Willen, der diese Naturgegebenheiten im Handeln der Sittlichkeit überordne. (vgl. 110f.)

Im Vortrag über Kierkegaard hebt Jaspers ein Grundanliegen seines gesamten Philosophierens nachdrücklich hervor, das er auch als zentrales Anliegen von Kierkegaard erachtet, nämlich die Rettung des Individuums vor dem Versinken in der „Masse“. Er meint dazu u. a.: „Denn je mehr ein Zeitalter, die geschichtliche Bindung verlierend, unter die Knechtschaft der Masse gerät, desto stärker wird der Anspruch an den Einzelnen als Einzelnen: er selbst zu sein“. (154f.)

In den drei Vorträgen über die Universität präsentiert Jaspers einige seiner bildungsphilosophischen Auffassungen, die er in den verschiedenen Ausgaben seines Buches Die Idee der Universität immer wieder vertreten hat. Dazu zählen die These von der notwendigen Einheit von Forschung und Lehre, die Forderung nach „Lehr- und Lernfreiheit als Bedingung verantwortlicher Selbstständigkeit aller einzelnen Dozenten und Studenten“, die Warnung davor, den Universitätsbetrieb zum „bloßen Schulbetrieb“ werden zu lassen. (vgl. 164)

Dass die Universität über die Fachausbildung hinaus durch wissenschaftliche Bildung und die Integrierung der Studierenden in Forschungsprozesse auch eine Werteerziehung zu leisten habe, hebt Jaspers durch den Hinweis hervor, dass Wissenschaftlichkeit stets mit „Humanität“ verbunden zu sein habe. „Der andere Pfeiler der Wissenschaftlichkeit ist die Humanität: Sie bedeutet Ehrfurcht vor dem Menschsein. Jeder einzelne Mensch ist Unendlichkeit. Keine wissenschaftliche Auffassung kann ihn ganz treffen. Der Mensch ist stets mehr, als von ihm erkannt wird.“ (169)

In der Vorlesung über die Beziehungen zwischen Philosophie und Wissenschaft betont Jaspers nachdrücklich, dass sowohl die Philosophie als auch die Wissenschaft den „Anspruch des Totalwissens“, d. h. nicht zuletzt auch den Anspruch, absolut wahre und ein für alle Mal gültige Einsichten vermitteln zu können, aufzugeben haben. In der Wissenschaft relativiert „die Bezogenheit auf Voraussetzungen und Untersuchungsmethoden“ jeglicher Erkenntnis den Totalitäts- und Wahrheitsanspruch.

Dass Jaspers die Philosophie nicht auf Kosten der Erfahrungswissenschaften aufwertet, sondern deren Unerlässlichkeit für die Philosophie hervorhebt, unterscheidet ihn deutlich von anderen Existenzphilosophen. Von Philosophen (innen) werden wissenschaftliche Fachkompetenzen verlangt, er selbst hat solche im Zusammenhang mit seiner Ausbildung zum Mediziner und Psychopathologen erworben. Er betont nachdrücklich: „Es gibt keine haltbare Philosophie außerhalb der Wissenschaften … Wer nicht in einer Fachwissenschaft geschult ist und ständig in Kontakt mit wissenschaftlicher Erkenntnis lebt, der wird im Philosophieren alsbald stolpern, unkritische Entwürfe als vollendetes Wissen vortragen.“ (252)

Jaspers hat aus seiner kritischen Einstellung gegenüber der Psychoanalyse nie ein Hehl gemacht. So kritisiert er daran u. a. aus methodischer Sicht, dass dabei „das Sinnverstehen mit dem kausalen Erklären“ verwechselt werde und dass der „Anspruch eines Totalwissens vom Menschen“ nicht haltbar sei. Aus ethischer Perspektive wird bemängelt, dass durch die Lehranalyse, die „zur Bedingung einer Approbation gemacht“ wird, „die Humanität verletzt“ werde. Jaspers wirft Psychoanalytischen Gesellschaften seiner Zeit auch vor, das „Recht zur Verteilung von Diplomen auf Grund der Organisation eines Lehrbetriebs zu erstreben“ und dabei „wie Sekten an Solidarität“ zu appellieren. (266)

Im Vortrag Vom europäischen Geist hebt Jaspers das „Abendland“ als jene Region hervor, in der „der Anspruch der Freiheit zur Geschichte auch als Bewegung zur politischen Freiheit geführt“ habe. Freiheit sieht er unmittelbar mit Wissenschaft „als unbedingtes, universales Wissenwollen“ verbunden. Freiheit, Geschichte und Wissenschaft, wie sie in Europa entwickelt wurden, sind jedoch grundsätzlich unabgeschlossen. „Daher ist Europa nicht fertig und daher muss, was wir aus unserem Grunde sein können, sich immer noch zeigen“ und stets „neue Chancen“ der Verwirklichung „eröffnen“. (291)

Sowohl im Vortrag über Bedingungen und Möglichkeiten eines neuen Humanismus als auch in dem Artikel über Gefahren und Chancen der Freiheit steht das Thema Freiheit im Mittelpunkt. Jaspers beklagt, dass durch Bürokratie, Arbeitszwang und organisierte Freiheit die eigentliche, individuelle Freiheit verschwinde und dass es einer „modernen Tapferkeit“ des Individuums bedarf. Diese Tapferkeit entspricht jener Lebenseinstellung, die Jaspers in anderen Schriften und in einer eigenen Monographie den „philosophischen Glauben“ genannt hat, wenn es dazu heisst: „fortfahren im versuchenden Leben, wenn auch keine Gewissheit ist – nicht das Ergebnis verlangen, sondern das Scheitern wagen, – das Ja zum Leben vollziehen, als werde in der Tiefe eine Hilfe sich zeigen, welche jedenfalls das bedeutet, dass das gut Gewollte nicht nichts sei, dass es am Ende einströmt in das Sein.“ (343)

Der Artikel über die Bedrohung durch die Atombombe enthält Argumente, die später in Jaspersʼ Hauptwerk zur politischen Philosophie (Die Atombombe und die Zukunft des Menschen) im Detail ausgeführt sind. So u. a. den Hinweis, dass die „Souveränität jeder Staatlichkeit“ sich einer „übergeordneten Menscheninstanz“ bzw. Rechtsordnung zu beugen habe, damit die Atombombe unmöglich wird. (vgl. 372/73)

In den abschliessenden beiden autobiographischen Artikeln über die eigene Philosophie und seinen Weg zur Philosophie hebt Jaspers u. a. hervor, dass bereits seine Psychologie, d. h. vor allem das Buch Psychologie der Weltanschauungen, eine Philosophie der „Existenzerhellung“ gewesen sei. Als Charakteristika seines Philosophieverständnisses werden genannt: Philosophiegeschichte müsse „lebendige Aneignung ihrer Gehalte aus den Texten“ sein, und nicht bloss eine persönlich distanzierte theoretische Betrachtung; Philosophie ist kein „indifferentes Denken“, sondern ein Denken das zugleich Selbstreflexion und ein „inneres Handeln“ sei, weil es Folgen für die individuelle Lebenspraxis habe; Philosophie ist ein „Appell an die Freiheit, um im inneren Handeln zu wählen, was ich eigentlich will.“

Jaspers schliesst mit dem Hinweis auf die kommunikative Intention, die für sein Philosophieverständnis zentral ist, wenn er meint: „These meines Philosophierens ist: Der einzelne Mensch für sich allein kann nicht Mensch werden. Selbstsein ist nur in Kommunikation mit anderem Selbstsein wirklich.“ (415)

Karl Jaspers, Rechenschaft und Ausblick. Reden und Aufsätze.
München: R. Piper & Co. Verlag 1951. 5.-11. Tausend 1958.