Die grossen Philosophen

Von 1937 an arbeitete Jaspers kontinuierlich an einer „Weltgeschichte der Philosophie“, die, wie er im Vorwort schreibt, Hegel zum ersten Mal bewusst gemacht habe, und die heute dringlicher geworden sei als zuvor – trotz der gewaltigen Vermehrung des historischen Wissens und der zahllosen Neueditionen, Nachschlagewerke und Kompendien. Niemand könne die Geschichte der Philosophie in ihrer Gesamtheit überblicken, aber man könne in sie eindringen und Klarheit gewinnen, wenn man bestimmte Aspekte der Philosophiegeschichte am Tatsächlichen methodisch entwickle.

Es sind dies für ihn der historische (chronologische), der sachliche, d.h. problemgeschichtliche, der genetische (in Bezug auf Herkunft der Philosophie aus Mythos, Religion, Dichtung und Sprache), der praktische (die Verwirklichung der Philosophie in der Lebenspraxis), und der dynamische Aspekt (der Kampf der Philosophien untereinander).

Doch dieses mehrfache Eindringen allein genüge nicht. Dies ist nach Jaspers sein Motiv für sein an die 1000 Seiten umfassendes Werk:

„Worauf es eigentlich ankommt, wird mit all diesen Aspekten noch nicht erreicht. So wie Menschen mit Menschen sich liebend verbinden, wenn sie nicht nur in einer gültigen Sache sich treffen, sondern durch die Sache hindurch im Grunde des Seins selbst, so suchen wir den Umgang mit den Philosophen. Sie sind das Thema unseres Buches. Sie sollen als sie selber zur Geltung kommen, als je Einzige, dem Allgemeinen verhaftet, aber es überschreitend, als das Wunder der Größe in unvergeßlichen Menschen, die durch ihr Dasein und Tun denkend verwirklichten, was im Wissen möglich ist. In den Kern der Philosophie gelangen wir nur durch sie. Sie bringen mehr als das, was von jenen fünf Gesichtspunkten her sich zeigt. Sie offenbaren das Wesen der Philosophie. Dieses hat erst im Philosophen in persönlicher Gestalt ursprüngliche Wirklichkeit. Die Großen dürfen nicht zerstückelt werden in Probleme, nicht absinken zu Lehrsystemen, nicht in die Ferne rücken als Bilder, nicht ein Reiz bleiben durch ihre Mannigfaltigkeit. Sie wollen, statt unsere Existenz zu verwirren, sie begründen helfen. Wir sollen durch die Sprache ihrer Existenz wach werden und zu vernünftiger Einsicht gelangen.“

„An ihre Zeit durch ihre Erscheinung gebunden, werden sie zeitlos objektive Gestalten, überschreiten sie den Geist ihres Zeitalters, indem sie ihn prägen. Sie können in der Folge auf alle Zeiten wirken. Sie interessieren als sie selbst und ihre Wahrheit. Jeder ist durch Werk und Wesen einzig, in einem nicht definierbaren Punkt unüberbietbar, wenn auch jeder, unterworfen dem Geschick aller Menschen, seine zu ihm gehörenden Grenzen hat. Sie sind in ihrem übergeschichtlichen Charakter wie ewige Zeitgenossen. Die Idee eines Reiches der großen Philosophen verwehrt die Beschränkung, sich bei einem einzigen Philosophen gleichsam anzubauen, als ob es für die Wahrheit überflüssig sei, die anderen zu kennen. Die absolute Wahrheit, die man an einem Orte vollendet hören und lernen könnte, gibt es nicht. Die Redlichkeit verlangt von uns, kennenzulernen auch was uns widerstrebt. Sie erlaubt zwar, mit unserer Liebe vorziehend, dorthin uns zu wenden, wohin wir zu gehören glauben. Aber sie fordert, die anderen zu sehen und noch die Fremdesten in ihrer eigenen Größe gelten zu lassen, in ihnen das Wahre zu erspüren. Denn wenn kein Mensch alles sein kann, so kann er doch der Möglichkeit nach, ins Unendliche voranschreitend, alles verstehen, auch das, was er nicht ist und nicht sein kann. Dies Verstehen aber erfolgt nicht in Indifferenz, sondern im möglichen Dabeisein. Daher ist mein Verständnis grundsätzlich offen auch für das, was ich für mich ausgeschlossen habe oder was mir versagt ist. Ich möchte es kennen und anerkennen und möchte es verwerfen nur dann, wenn es nichtig oder böse scheint.

Statt des Titels »Die Großen Philosophen« könnte man den bescheideneren »Große Philosophen« erwarten. Aber wer philosophiert, macht sich ein Gesamtbild des Reiches der großen Geister. Die Wirklichkeit dieses Reiches ist zwar von niemandem in seinem Umfang und seinen Rangordnungen festzustellen. Aber die Idee bleibt: die großen Philosophen in einer Gesamtanschauung vor Augen zu gewinnen und damit das Bewußtsein ihrer aller Zusammengehörigkeit zu steigern. Daher sollte dies Werk der Idee nach nicht eine lockere Aufzählung einiger vom Autor bevorzugter Denker sein. Auch vollzieht kein einzelner Philosophiehistoriker die Auswahl. Seine Wahl ist in der Geschichte von der Geschichte schon getroffen. Wo philosophiert wird, da bildet sich – in Analogie zum Kanon heiliger Schriften – in unbestimmter Abgrenzung und Bewegung, aber im Kern unveränderlich, eine Geltung der Großen und ihrer Werke.“

Jaspers gliedert sein Werk wie folgt: Einleitung (zum Thema menschlicher und philosophischer Grösse), die massgebenden Menschen (Sokrates, Buddha, Konfuzius, Jesus), die fortzeugenden Gründer des Philosophierens (Plato, Augustin, Kant), aus dem Ursprung denkende Metaphysiker (Anaximander, Heraklit und Parmenides, Plotin, Anselm, Spinoza, Laotse, Nagarjuna)

(Die grossen Philosophen, München 1959, S. 7-11)