Allgemeine Psychopathologie

Jaspers schreibt zu der Entstehung und zum Prinzip dieses Buchs:

„In den deutschen psychiatrischen Kliniken war das Bewußtsein einer Stagnation der wissenschaftlichen Forschung und Therapie verbreitet. Die großen Anstalten für Geisteskranke wurden immer hygienischer und prachtvoller gebaut. Das Leben der Unglücklichen, im Wesen nicht zu ändern, wurde verwaltet. Das Beste, was möglich war, bestand darin, dieses Leben so natürlich wie möglich mitzugestalten, etwa durch die erfolgreiche Arbeitstherapie, solange sie menschlich und vernünftig ein Glied in der gesamten Lebensordnung der Kranken blieb. Angesichts des verschwindend geringen Wissens und Könnens halfen sich intelligente, geistig unfruchtbare Psychiater mit Skepsis und mit eleganten Redensarten weltmännischer Überlegenheit wie etwa Hoche. Auch in unserer Nissl’schen Klinik herrschte die therapeutische Bescheidung. Man war im Grunde therapeutisch ohne Hoffnung, aber menschenfreundlich, verhütete nach Kräften Unheil, das unnötigerweise aus dem Dasein der Geisteskranken folgen kann. Das Verhalten zu den Kranken war human ohne Pathetik, war heiter und tolerant. Die »psychiatrische Milde« galt als selbstverständliche Haltung nicht nur den Kranken, sondern auch dem Leben gegenüber.“

„Die geistige Verwirrung nun schien mir einen Grund in der Natur der Sache zu haben. Denn der Gegenstand der Psychiatrie war der Mensch und nicht nur sein Leib, sogar zum wenigsten sein Leib, vielmehr seine Seele, seine Persönlichkeit, er selbst. Ich las nicht nur das somatische Dogma: Geisteskrankheiten sind Hirnkrankheiten (Griesinger), sondern auch den Satz: Geisteskrankheiten sind Krankheiten der Persönlichkeit (Schüle). Womit wir es zu tun hatten, damit beschäftigten sich auch die Geisteswissenschaften. Sie hatten dieselben Begriffe, nur ungemein viel subtiler, entwickelter, klarer.“

„In dieser Lage traf mich 1911 die Aufforderung von Wilmanns und dem Verleger Ferdinand Springer, eine Allgemeine Psychopathologie zu schreiben. Eine Reihe von Arbeiten über Heimweh und Verbrechen, über Intelligenzprüfungen, über Sinnestäuschungen, über Wahnideen, über Krankheitsverläufe an Beispielen ausführlicher Krankheitsgeschichten hatte ich schon veröffentlicht.“

„Meine eigenen Untersuchungen und mein Nachdenken über das, was in der Psychiatrie gesagt und getan wurde, hatten mich auf damals neue Wege geführt. Für zwei wesentliche Schritte empfing ich den Anstoß von Philosophen.

Die Phänomenologie Husserls, die er in seinen Anfängen deskriptive Psychologie nannte, übernahm ich als Methode und behielt sie bei unter Abwehr ihrer weiteren Entwicklung zur Wesensschau. Als Erscheinung im Bewußtsein zu beschreiben, was Kranke innerlich erleben, das erwies sich als möglich und ergiebig. Nicht nur Sinnestäuschungen, auch Wahnerlebnisse, Weisen des Ichbewußtseins, der Gefühle ließen sich durch Selbstschilderungen der Kranken so deutlich fassen, daß sie in anderen Fällen mit Sicherheit wiedererkennbar wurden. Die Phänomenologie wurde eine Forschungsmethode. Dilthey hatte gegen die theoretisch erklärende Psychologie eine andere »beschreibende und zergliedernde Psychologie« gestellt. Diese Aufgabe machte ich mir zu eigen, nannte die Sache »verstehende Psychologie« und arbeitete die längst geübten, von Freud auf eine eigentümliche Weise faktisch angewandten Verfahren heraus, durch die man im Unterschied von den unmittelbar erlebten Phänomenen die genetischen Zusammenhänge des Seelischen, die Sinnbezüge, die Motive aufzufassen vermag.“

„Das Prinzip meiner ›Psychopathologie‹ war also und blieb: die Erkenntnisse zu entwickeln und zu ordnen am Leitfaden der Methoden, durch die sie gewonnen werden, das Erkennen zu erkennen und dadurch die Sachen zu klären. Das bedeutete aber zugleich: Methodologische Untersuchungen an sich sind gleichgültig, solange die Methoden nicht zu faktischen Erkenntnissen führen. Man kommt nach dem alten Wort nicht weiter, wenn man am Ufer über das Schwimmen redet; man muß ins Wasser springen. Daher setzte ich mir zum Ziel: in meiner Psychopathologie sollen keine abstrakt bleibenden logischen Erörterungen vorkommen. Sie sollen nur dann vorgetragen werden, wenn sie sogleich ihren Sinn an einem anschaulichen Erkenntnismaterial zeigen. Jede Methode hat Wert erst durch einen wirklichen Inhalt, d. h. durch das, was durch sie zur Beobachtung kommt. Die empirische Grundhaltung des Buches forderte, daß Anschaulichkeit und Tatsächlichkeit Bedingung dafür blieben, etwas als psychopathologische Erkenntnis anzuerkennen. Aber zugleich sollte die Heterogenität schon des Tatsächlichen selber zur Geltung kommen. Die Tatsachen und Anschauungen liegen nicht auf einer einzigen Ebene. Vielmehr zeigen sie sich durch die Mannigfaltigkeit der Wege, auf denen man zu ihnen gelangt, als wesensverschieden. Daher sollte der Leser des Buches nicht nur den Stoff lernen, sondern denken lernen, wie und in welchen Grenzen dieser Stoff als ein tatsächlicher gelten darf. Dieses Prinzip methodologischer Besinnung und Ordnung schien um so wichtiger, als der Gegenstand der Psychiatrie der Mensch ist. Er ist ein von allen Dingen in der Welt Unterschiedener dadurch, daß er als Ganzes so wenig zum Gegenstand werden kann wie die Welt im Ganzen. Wenn er erkannt wird, dann wird etwas in seiner Erscheinung, nicht er selbst erkannt. Jede Totalerkenntnis des Menschen erweist sich als Täuschung, die dadurch zustande kommt, daß eine Betrachtungsweise zur einzigen, eine Methode zur Universalmethode erhoben wird.

Das Prinzip, der Weise des Erkennens gewiß zu werden durch das Bewußtsein der je besonderen Methode, befreit den Menschen wieder aus seinem vermeintlichen totalen Bewußtsein. Für den Arzt galt es, die Humanität zu wahren dadurch, daß er das Bewußtsein von der Unendlichkeit jedes einzelnen Menschen nicht verlor. Dadurch allein bleibt jene für den humanen Arzt notwendige Scheu vor jedem Menschen erhalten, auch wenn er geisteskrank ist. Der Mensch und jeder Einzelne ist zu retten für das Bewußtsein des Arztes und Forschers. Niemals läßt sich mit wissenschaftlichen Mitteln gleichsam die Bilanz eines Menschen ziehen. Jeder kranke Mensch ist wie jeder Mensch unerschöpflich. Niemals gelangt das Bescheidwissen so weit, daß nicht die Persönlichkeit in ihrem verborgenen Geheimnis, und sei es als bloße Möglichkeit, als noch widerstrahlend in wundersamen Resten, wenigstens fühlbar bleibt.

Ein so geplantes Buch konnte im ersten Wurf wohl überraschen, aber es mußte auch mangelhaft sein. In weiteren Auflagen habe ich die Struktur zu verfeinern und zu schärfen, die Tatsachen im weiteren Umkreis zu ergreifen gesucht. Das Buch blieb mir durch Jahrzehnte als meine Sache wesentlich. Eigene psychopathologische Forschungen habe ich später, von neuen Aufgaben erfüllt und fern der Klinik lebend, nicht mehr unternommen, außer einigen Pathographien (Strindberg und van Gogh unter vergleichender Heranziehung von Swedenborg und Hölderlin 1920, und über Nietzsches Krankheit in dem betreffenden Kapitel meines ›Nietzsche‹ 1936).“

(Philosophische Autobiographie, München 1977, S. 21-27)